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Woher kommt eigentlich Liebe?

24-12-2015

Eine überzeugende Antwort auf diese Frage hat der Geigenbauer Martin Schleske gefunden – zugleich wunderbare Weihnachts-Gedanken.

In seinem Buch »Der Klang :Vom unerhörten Sinn des Lebens.«* stellt Martin Schleske den Beginn des Buches Genesis und den Beginn des Johannesevangeliums, letzterer zugleich der Evangeliumstext des Weihnachtstages, in den Mittelpunkt seiner Überlegungen:

»Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde.« So heißt es im Buch Genesis (1. Buch Mose/Genesis 1,1).

Was hast Du preisgegeben, als Du der Welt den Odem gabst und etwas ins Dasein riefst, was nicht Du selbst bist. Was ist geschehen, als Du sprachst: »Es werde«, und etwas außerhalb Deiner selbst erschaffen war! Was hast Du eingebüßt in diesem Moment, da Du beschlossen hast, Dir nicht alles zu sein. Ich bin nicht Du! Vor aller Zeit allmächtiges Sein, im Akt der Schöpfung aber liebendes Werden. Verletzbares Sein. Das ist die Welt.

So ist ein Außerhalb Gottes geschaffen. Nun ist der Odem Gottes in der Welt. Aus einer Liebe, die nicht an sich festhält, ist etwas geworden, was nicht Gott ist: unsere Welt! Denn am Anfang steht der Logos, und er heißt: Ich will mir selbst nicht alles sein. Das ist die Liebe.

Im Prolog des Johannesevangeliums (Kap. 1) ist von den Ursprüngen die Rede. Der Evangelist Johannes erzählt nicht die Kindheitsgeschichte Jesu wie es die anderen Evangelisten tun, sondern er beginnt früher und taucht in die Ursprungsgeschichte des Logos ein. Er beginnt so: »Im Anfang war das Wort (der Logos), und das Wort war bei Gott, und Gott war das Wort. Dasselbe war im Anfang bei Gott. Alle Dinge sind durch dasselbe gemacht, und ohne dasselbe ist nichts gemacht, was gemacht ist« (1,1-2).

Gott liefert sich den Bedingungen der Welt aus, da er sich zugunsten der Welt entäußert hat. Die Welt ist durch eine sich entäußernde Liebe entstanden. Das ist der Logos, der von Anfang an war …

In das Außerhalb, das er erschuf, tritt Gott nun ein. Er ist die Liebe, die darin besteht, sich zu entäußern, sich preiszugeben. Das ist in Gott. Dieser Logos (Sinn) ist Gott. Es ist dieser Logos in Gott: die sich selbst entäußernde Liebe. Darum heißt es bei Johannes: »Im Anfang war der Logos, und der Logos war bei Gott, und Gott war der Logos.«

 


Wo könnte sich diese Selbstentäußerung Gottes mehr zeigen als in der Verletzlichkeit und im Angewiesensein eines neugeborenen Kindes, als das Gott selbst Mensch wird. Und so fährt Martin Schleske fort:

In Jesus verkörperte sich die Selbstentäußerung Gottes, die mit Erschaffung der Welt geschah. Gott hielt nicht an sich selbst fest, sondern entäußerte sich und nahm Knechtsgestalt an. Er machte sich zur Knechtsgestalt in der unendlich freiwilligen Odyssee der Zeit – trat in den Raum ein, der nicht Gott ist und der darum auch nicht sein muss wie Gott; ein Raum, der lieben kann, aber es nicht muss. Jesus wird als ein Abbild dieser Selbstentkleidung Gottes geboren. In ihm verkörpert sich der Gottesknecht. Er ist es, der mit Erschaffung der Welt schon nichts anderes als die Selbstpreisgabe Gottes war! Jesus wird zum gewaltigsten Gleichnis für dieses Geschehen; es ist das Gleichnis der sich hingebenden Gottesliebe. Kein Gleichnis aus Worten, sondern in der Gestalt des Menschen.

Auch die frühen geistlichen Väter haben es so gesehen. So sagte etwa Origenes: »Wenn er unser Leiden nicht schon vorher getragen hätte, wäre er nicht gekommen, um das menschliche Leben mit uns zu teilen.« So wird durch den Prolog des Johannesevangeliums klar: Die Welt hat in der Liebe Gottes ihren Sinn und im Leiden Gottes ihren Grund! Das ist der Logos! Gott zeigt, dass auch er derjenige ist, der leiden kann – und da er liebt, will er es auch. Es ist ein unendlich freiwilliges Leiden und doch ist es unabdingbar, auf dass eine Welt entstehen konnte und in ihrem Logos auch bestehen kann.

 


Beim Lesen dieses Textes habe ich mich an eine Szene aus Goethes »Faust« erinnert. In seinem Studierzimmer ringt Faust um die richtige Übersetzung für das Wort Logos.
Sinn – Kraft – Tat
sind die Deutungen, die Faust dazu findet. Und auch, wenn es sprachlich sicherlich nicht korrekt ist, möchte ich noch einen »Übersetzungs«versuch anfügen und den Logos mit Liebe übersetzen:

Im Anfang war die Liebe, und die Liebe war bei Gott, und Gott war die Liebe. Die Liebe war im Anfang bei Gott. Alle Dinge sind durch die Liebe gemacht, und ohne die Liebe ist nichts gemacht, was gemacht ist. In ihr war das Leben, und das Leben war das Licht der Menschen. Und das Licht scheint in der Finsternis, und die Finsternis hat's nicht ergriffen …

Und die Liebe ward Fleisch und wohnte unter uns.

 

 


*Das Buch »Der Klang :Vom unerhörten Sinn des Lebens.« von Martin Schleske mit sehr sensiblen Fotografien von Donata Wenders ist 2010 im Kösel Verlag erschienen.

Ich habe es dieses Jahr von meiner Frau zum Geburtstag geschenkt bekommen und ist ist mir zu einem meiner wichtigsten und liebsten Bücher geworden! 

 

 

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